Neukomposition in Schütz‘ Weihnachtshistorie

„Auff die ihnen beliebende Manier“

Neukomposition in Schütz‘ Weihnachtshistorie eingeflochten

Die Weihnachtshistorie von Heinrich Schütz wird nicht allzu häufig aufgeführt, obwohl es ein farbenreiches Werk mit moderater Länge und vergleichsweise leichtem Chorpart ist. Schütz meint allerdings in seinem Vorwort, „daß außer Fürstlichen wohlbestälten Capellen, solche seine Inventionen schwerlich ihren gebührenden effect anderswo erreichen würden“ und dass er „dahero Bedencken getragen hat“, sein opus vollständig zu veröffentlichen. Für unsere Kantorei im beschaulichen Eisenberg trifft das vermutlich zu. Trotzdem war das Werk für Weihnachten 2020 mit dem renommierten Renaissance-Ensemble „capella jenensis“ auf dem Programm. Aber bekanntlich wurde ja 2020 alles anders. Schon im Sommer war klar, dass coronär betrachtet Chor und Orchester „keinen Raum in der Herberge“, also keinen Platz im Altarraum haben würden.

Schütz regt nun in seinem Vorwort selber an, „solche Zehen Concerten auff die ihnen beliebende Manier und vorhandenes Corpus Musicum gar auffs neue anders selbst aufzusetzen, oder durch andere componiren zu lassen“. Dazu muss man wissen, dass die Weihnachtshistorie zwei Ebenen hat: Den Part des Evangelisten hatte Schütz schon 1664 veröffentlicht, die „zehn Concerten“, nämlich Introduktion, Schlusschor und acht Intermedien aber waren wegen oben genannter „Bedencken“ nur als Leihmaterial beim Dresdner Kreuzkirchen-Organisten Hering „umb eine billiche Gebühr zu erlangen“. Diese Intermedien entsprechen den klassischen „Krippenspiel-Rollen“ und sind z.T. tatsächlich üppig besetzt: Für die Hohenpriester z.B., die Herodes die alttestamentliche Prophezeiung erläutern, wird ein Quartett von vier(!) Bass-Solisten nebst zwei (Barock-)Posaunen und Continuo gefordert.

Die Intermedien galten fast 350 Jahre als verschollen, vom Eingangschor existieren bis heute nur Text und Generalbassstimme. Noch in Philipp Spittas Schütz-Gesamtausgabe von 1885 erschien daher nur die Evangelisten-Partie. Kurz bevor die Intermedien 1908 in Uppsala entdeckt wurden, griff erstmalig Arnold Mendelssohn, der sich im beginnenden 20. Jahrhundert auch um die Wiederaufführung von Schütz‘ Passionen verdient gemacht hatte, die Empfehlung einer Neukomposition auf. Er veröffentlichte 1901 ein „Weihnachtsoratorium“ mit der originalen Evangelisten-Partie, Eigenkompositionen für die Intermedien (Chor, Orgel und zwei Violinen) und eingewobenen Chorsätzen, Orgelstücken von J.S. Bach und Gemeindeliedern

2020 bin auch ich Schützens Idee gefolgt, sodass eine Kom-position im wahrsten Sinne des Wortes entstand: Eine Weihnachtsgeschichte in drei Ebenen. Für die Neuvertonung der Intermedien zur schütz’schen Evangelisten-Partie konnte der erfahrene Heidelberger Chorleiter und Komponist Jan Wilke gewonnen werden. Die Intermedien für Hirten, Herodes & Co sind für Klarinette, Klavier und Textrezitation geschrieben. Die Sprechrollen konnten leicht von einzelnen Chorsängern übernommen werden. Die Rolle des Engels ist für Solo-Sopran und Orgel konzipiert, erklingt also im Idealfall „unsichtbar“ von der Westempore im Rücken der Zuhörer. Der Chor bekam mit 12 Weihnachtschorälen von Michael Praetorius, die den einzelnen Szenen zugeordnet sind, die dritte eher gemeinde-orientierte Ebene zugewiesen. Die vierstimmigen Choräle sind aus der Musae Sioniae von 1609 und reichen vom beliebten „Es ist ein Ros entsprungen“ über „In dulci jubilo“ bis zum längst vergessenen Lutherchoral „Was fürchtst du Feind Herodes sehr“.

Zusammen mit einer Introduktion für Orgel solo und dem Schlusschor ist also ein Zyklus von kurzen Charakterstücken geschaffen worden, der mit freundlich-moderner Klanglichkeit die Tonwelt von Schütz und Praetorius interessant kontrastiert. Der geringe Schwierigkeitsgrad der insgesamt 40-minütigen Zusammenstellung ist ideal für die Aufführung mit Laien oder in gottesdienstlichem Rahmen. Die Uraufführung fand denn auch mangels Weihnachtskonzert in einzelnen Gottesdiensten in Eisenberg statt. Das Gesamtwerk konnte im Advent noch „evakuiert“ werden und wurde als Spontan-CD-Einspielung zu Weihnachten verteilt.

Die Hirten: Evangelist – Intermedium – Choral
Herodes: Evangelist – Intermedium – Choral
Der Engel zu Joseph im Traum: Evangelist – Intermedium – Choral

Die Evangelisten-Partie in der Fassung von Spitta kann man hier anschauen.

Die Intermedien zu den drei Klangbeispielen oben können hier betrachtet werden.

Das Choräle-Heft für den Chor kann hier eingesehen werden.

Die Chor-Aufnahmen sind corona-bedingt sehr spontan entstanden und sind nicht „CD-reif“ sondern nur als Konzert-Ersatz für den innergemeindlichen Gebrauch gedacht.